Warum reisen wir?  E-Mail

Betrachtet man die erste, von Anaximander (611-546 v. Chr.) erstellte Weltkarte, so zeigt diese den Kontinent Europa im Norden und Asien im Süden. Das Bild unserer Welt schien weitgehend vollständig zu sein. Die Bildungs- und Entdeckungsreisen der folgenden Jahrhunderte führten im wahrsten Sinne des Wortes zu einer Erweiterung des Horizonts. Neben der geographischen Ausdehnung des Weltbildes wurde dieses durch die Erfahrungen mit neuen Kulturen komplettiert und die Heimatkultur immer wieder um die aus Reisen mitgebrachten Erkenntnisse ergänzt. So reisten im 12. Jahrhundert die Kleriker als Wanderprediger und wissbegierige Schüler verzog es ins Ausland, um Lehrer und Mentoren aufzusuchen, die ihre theologischen Kenntnisse erweitern sollten. Im 16. und 17. Jahrhundert begaben sich junge Adelige auf die sogenannte „Grand Tour“, eine Form „adeliges Erziehungsprogramm“. Es folgte das Wandertum der Handwerksgesellen, die Bildungsreisen des Bürgertums und die Gesellschaftsreisen Anfang des 19. Jahrhunderts als Folge der Erfindung der Dampfmaschine. Die Grundlagen für die Entwicklung des Massentourismus wurden in den Nachkriegsjahren gelegt, welche in der Folge zu einer „touristischen Explosion“ führte, wie sie der Tourismuskritiker Krippendorf nannte. Verantwortlich dafür waren wachsende Freizeitbudgets und finanzielle Ressourcen, eine Erhöhung der regionalen Mobilität sowie eine neue Sehnsucht nach der Ferne seitens der Konsumenten bei gleichzeitig fortschreitender technologischer Entwicklung der Transportmittel, dem internationalen Ausbau von Verkehrsanbindungen sowie der Professionalisierung der Anbieter. Mit der Deregulierung des Flugverkehrs und dessen technischen Fortschritten erreichte der internationale Tourismus ab ca. 1980 globale Ausmaße. Das Reisen als Phänomen scheint also dem Menschen von Natur aus inne zu wohnen. Doch was bewegt uns? Warum zieht es uns immer wieder in die Ferne? Der Fluchttheorie nach, wollen wir aus dem Alltag ausbrechen, Probleme, Sorgen aber auch Normen und Werte in einem gewissen Ausmaß hinter uns lassen. Im Gegenzug dazu existiert der Reiz der Exotik. Es gibt also neben dem „weg von“ auch ein „hin zu“ Bedürfnis. So begeben wir uns auf die Suche nach dem Authentischen, wollen das Original finden, suchen Bilder, Klischees und Images, die in unseren Köpfen verankert sind. Ob Chinesische Mauer, Taj Mahal, Machu Picchu, die Ruinen von Aksum oder der Palast Changdeokgung in Seoul, wie Ameisen begeben wir uns stets auf jene Touristenpfade, die uns zeigen, was als sehenswert deklariert wird. Ungestört dessen gilt jedoch stets das Motto: die Touristen sind immer die Anderen! Ob es nun der Drang oder der Wunsch ist, der uns in die Ferne zieht, so reisen wir doch auch, um wieder heim zu kehren. Als Touristiker ist es unsere Aufgabe, Menschen bei ihren Träumen uns Sehnsüchten zu unterstützten, ob sie später in Erfüllung gehen, liegt hauptsächlich am Reisenden selbst.