Zwischen Fremdkultur und Kultur in der Fremde  E-Mail

Die Grundlagen für die Entwicklung des Massentourismus wurden in den Nachkriegsjahren gelegt. Verantwortlich dafür waren wachsende Freizeitbudgets und finanzielle Ressourcen, eine Erhöhung der regionalen Mobilität sowie eine neue Sehnsucht nach der Ferne seitens der Konsumenten bei gleichzeitig fortschreitender technologischer Entwicklung der Transportmittel, dem internationalen Ausbau von Verkehrsanbindungen sowie der Professionalisierung der Anbieter. Heutzutage stellt der Tourismus einen der bedeutendsten Treiber von Globalisierungsprozessen dar und kulturelle Identitäten verschwinden, verwischen oder grenzen sich gänzlich ab. Was versteht man jedoch überhaupt unter Kultur? Grundsätzlich kann man davon ausgehen, dass sich Kultur aus einer Menge von Werten und Bedeutungen formt, die ein Kollektiv hervorgebracht hat und weitergibt. Kultur wird also „erlernt“ und zwar durch die Teilnahmen am sozialen Leben. Insbesondere die „massenhafte Begegnung“ führt zu zahlreichen Effekten auf beiden Seiten, die deutliche Spuren hinterlassen. Insgesamt können fünf Treiber kulturellen Wandels festgemacht werden: Da sind zum einen die Touristenströme und der damit einhergehende globale Austausch zwischen Menschen zu nennen. Zum anderen ist der Medienbereich mit seiner  transnationalen Informations- und Unterhaltungsindustrie für Verbreitung stereotyper Länderimages verantwortlich zu machen. Der Einsatz neuer Technologien resultiert in kulturellen Veränderungen von Beruf und Freizeit und international agierende Konzerne in der Tourismuswirtschaft führen neben ineinander verwobenen Finanzströmen auch zu kulturellen Adaptionen. Im ideologischen Bereich kommt es zu kulturellen Veränderungsprozessen bei den Bereisten, da Touristen, durch ihren in der Fremde vorgelebten Lebensstil, die lokale Kultur verändern. Wen wundert es also, wenn der tapfere Massai seinen Speer mit Ray Ban Brille auf der Nase zum Verkauf anbietet, der Gewürzhändler im Souk von Marrakesch eine Rolex trägt oder die hübsche Asiatin im Dirndlkleid beim Oktoberfest den Maßkrug stemmt? Die mitunter durch den Tourismus hervorgebrachten Globalisierungstendenzen scheinen zunehmend zu einer Homogenisierung zu führen, in der Differenzen mit der Zeit geglättet werden und uns somit vertraut erscheinen. Dann gilt als authentisch, was als authentisch wahrgenommen wird und tradierte Normen und Werte verlieren ihre Gültigkeit. Doch auch das neu Hervorgebrachte ist Kultur. Wir sind uns nur oft nicht im Klaren darüber, da die Veränderungen der Sichtweisen für so manchen befremdlich und eben nicht authentisch erscheinen. Wollen wir also bewahren, was wir vermeintlich als echte bzw. wahre Kultur bezeichnen, so muss man sich bei der touristischen Angebotsentwicklung die ernsthafte Frage stellen, ob man dem Fremdbild der Gäste oder dem Eigenbild der Einheimischen nachkommt.